Wahrnehmung & Vertrauen

Gefühlte Unsicherheit: Wenn der Staat die falsche Antwort gibt

23. Juni 2026 · Lesezeit 4 Minuten

Über 80 Prozent der Deutschen finden, Gerichtsverfahren dauern zu lang. Über die Hälfte hält Urteile für zu milde. Das sind keine Einzelmeinungen von besonders ängstlichen Menschen. Das ist ein breites Misstrauenssignal. Wer es als "gefühlt" abtut, beantwortet die falsche Frage.

Die Standardreaktion auf Berichte über wachsende Unsicherheit ist bekannt: Statistisch betrachtet sei die Lage gar nicht so schlimm. Die Kriminalität sinke. Die Wahrnehmung sei verzerrt, medial aufgeheizt, politisch instrumentalisiert. Beruhigt euch.

Das Problem an dieser Antwort ist nicht, dass sie falsch wäre. Das Problem ist, dass sie am Kern vorbeigeht.

Was messen Statistiken, und was messen sie nicht?

Kriminalstatistiken erfassen angezeigte Delikte. Sie erfassen keine Angst auf dem Nachhauseweg. Sie erfassen nicht, ob jemand abends die U-Bahn meidet, weil er dort schon erlebt hat, dass nichts passiert, wenn jemand randaliert. Sie erfassen nicht das Gefühl, in einem Rechtssystem zu leben, das auf Konsequenz verzichtet.

Subjektive Unsicherheit ist deshalb keine verzerrte Wahrnehmung der Realität. Sie ist eine eigenständige Realität. Wer das nicht versteht, oder nicht verstehen will, kommuniziert an der Bevölkerung vorbei.

Der Roland Rechtsreport 2024 liefert dazu konkrete Zahlen: Mehr als 50 Prozent der Befragten halten Gerichtsurteile für zu milde. Mehr als 80 Prozent finden, Verfahren dauern zu lang. Das sind keine Randgruppen. Das ist die gesellschaftliche Mitte, die dem Rechtssystem bescheinigt, dass es seinen Teil des Vertrages nicht erfüllt.

> 80 %der Deutschen finden Gerichtsverfahren zu lang (Roland Rechtsreport 2024)
> 50 %halten Urteile für zu milde (Roland Rechtsreport 2024)

Warum „gefühlt" das falsche Wort ist

Das Wort "gefühlt" trägt eine Botschaft: Du irrst dich. Deine Wahrnehmung ist nicht verlässlich. Vertrau den Daten, nicht dir selbst.

Das ist keine Beruhigung. Das ist Abwiegelung. Und es gibt einen Unterschied.

Beruhigung setzt voraus, dass man das Problem ernst nimmt und dann erklärt, warum es kleiner ist als befürchtet. Abwiegelung delegitimiert das Problem, bevor man es überhaupt angeschaut hat. Ein Staat, der die Sorgen seiner Bürger mit dem Verweis auf Statistiken beiseitelegt, sendet eine unmissverständliche Botschaft: Wir glauben euch nicht.

„Vertrauen ist die Währung der Demokratie." Diese Währung wird nicht durch Statistiken verteidigt, sondern durch das Gefühl, gehört zu werden.

Das ist der Mechanismus, den das Buch Der Preis unserer Toleranz im Geleitwort und in Kapitel 1 beschreibt. Ein Sicherheitsbedürfnis als irrational abzutun, verspielt Vertrauen. Und in das Vakuum, das entsteht, wenn demokratische Institutionen dieses Vertrauen verspielen, drängen Akteure, denen Demokratie gleichgültig ist.

Welche Rolle spielt die politische Kommunikation?

Es geht nicht um bösen Willen. Es geht um ein strukturelles Problem in der Art, wie Politik über Sicherheit spricht.

Die Logik lautet: Wer Sicherheitsbedenken zu stark betont, bedient Ängste. Wer Ängste bedient, macht Stimmung. Wer Stimmung macht, hilft den Falschen. Also besser relativieren.

Diese Logik ist nachvollziehbar. Sie ist trotzdem ein Fehler. Denn sie setzt voraus, dass die Bevölkerung nicht zwischen seriöser Problemanalyse und Panikmache unterscheiden kann. Diese Annahme ist falsch und sie ist herablassend.

Wer innere Sicherheit als das begreift, was sie tatsächlich ist, nämlich als Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe, nicht als Luxusthema wohlhabender Kreise, der versteht, warum Menschen aus der Mitte der Gesellschaft zunehmend misstrauisch werden, wenn ihre alltäglichen Erfahrungen in der öffentlichen Debatte nicht vorkommen.

Was folgt daraus?

Niemand verlangt, dass jede Statistik dramatisiert wird. Es gibt keinen Erkenntnisgewinn in Untergangsrhetorik. Aber es gibt einen erheblichen Schaden, wenn das Sicherheitsempfinden von Millionen Menschen systematisch als Irrtum behandelt wird.

Das Vertrauen in Institutionen funktioniert nicht so, dass man es durch bessere Daten wiederherstellt. Es entsteht durch das Gefühl, dass der Staat die eigene Erfahrung anerkennt und darauf reagiert. Und es zerbröselt, wenn die Erfahrung des Alltags und die offizielle Beschreibung der Wirklichkeit dauerhaft auseinanderfallen.

Das erklärt, warum der Zulauf zu Parteien und Bewegungen, die das Thema Sicherheit undifferenziert, laut und oft ohne jede Faktenbasis besetzen, kein reines Medien- oder Manipulationsphänomen ist. Es ist zum Teil auch eine Reaktion auf eine politische Kommunikation, die das Gegenteil von dem getan hat, was sie beabsichtigte: Sie hat Vertrauen nicht erhalten, sondern beschädigt.

Wer versteht, wer die Last von Unordnung und Unsicherheit tatsächlich trägt, der weiß: Es sind nicht die Menschen, die ausweichen können. Es sind jene, die täglich im öffentlichen Raum präsent sein müssen, in Bus, Bahn, Schule, Park. Ihre Erfahrungen sind keine Stimmung. Sie sind Datenpunkte, die in keiner Polizeilichen Kriminalstatistik auftauchen.

Sicherheitsgefühl wegzudiskutieren löst nichts. Es verschiebt das Problem nur dorthin, wo es sich schlechter bearbeiten lässt: in politische Entfremdung.

Häufige Fragen

Was bedeutet "gefühlte Unsicherheit" und warum ist der Begriff problematisch?

"Gefühlte Unsicherheit" suggeriert, die Wahrnehmung sei fehlerhaft oder irrational. Tatsächlich ist subjektives Sicherheitsempfinden eine eigenständige gesellschaftliche Realität: Es beeinflusst Verhalten, Vertrauen und politische Teilhabe, auch wenn Kriminalstatistiken ein anderes Bild zeichnen.

Belegen Umfragen wirklich ein breites Misstrauen gegenüber dem Rechtssystem?

Ja. Der Roland Rechtsreport 2024 zeigt: Über 80 Prozent der Befragten finden Gerichtsverfahren zu lang, über 50 Prozent halten Urteile für zu milde. Das sind keine Ausreißerwerte, sondern Signale aus der gesellschaftlichen Mitte.

Warum schadet das Abwiegeln von Sicherheitssorgen der Demokratie?

Wer das Sicherheitsbedürfnis als irrational abtut, signalisiert den Betroffenen: Wir glauben euch nicht. Das verspielt Vertrauen in Institutionen. In dieses Vakuum drängen Akteure, die von Demokratieskepsis profitieren, ohne selbst glaubwürdige Antworten zu liefern.

Das ganze Argument

Der Preis unserer Toleranz

Warum innere Sicherheit die neue soziale Gerechtigkeit ist. Das neue Buch von Nickolas Emrich, aus der doppelten Praxis von Polizist und U-Bahn-Fahrer.

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