Institutionelle Passivität

Zivilcourage im öffentlichen Nahverkehr: Wenn Institutionen zur Passivität anweisen

15. Juni 2026 · Lesezeit 4 Minuten

Nicht der einzelne Bürger gibt den öffentlichen Raum zuerst auf. Oft tun es die Strukturen, die ihn schützen sollen. Eine Dienstanweisung, die das Personal zur Passivität verpflichtet, ist kein bürokratisches Detail. Sie ist ein Signal an alle Beteiligten.

Als Nickolas Emrich als U-Bahn-Fahrer im Berliner Kleinprofil arbeitete, bekam er eine Anweisung, die ihn bis heute beschäftigt: Bei Straftaten im oder am Zug solle man am besten nichts unternehmen und nur per Funk Meldung erstatten. Begründung: Zivilcourage sei "nicht versichert". Wer eingreife, handle auf eigenes Risiko.

Das betriebliche Dilemma dahinter ist real. Ein verlassener Führerstand ist ein Sicherheitsrisiko für alle Fahrgäste im Zug. Das erkennt Emrich in seinem Buch Der Preis unserer Toleranz ausdrücklich an. Wer diese Anweisung als bloße Feigheit der Betriebe abtut, denkt zu kurz. Aber wer sie als unvermeidliche Sachzwanglogik akzeptiert, denkt nicht weit genug.

Was bedeutet es, wenn Personal angewiesen wird, wegzusehen?

Die Anweisung zur Passivität sendet eine klare Botschaft in den Raum: Was hier passiert, hat keine Konsequenz. Nicht für den Täter, der unbehelligt bleibt. Nicht für das Personal, das eingreifen wollte, aber nicht durfte. Und nicht für die Fahrgäste, die beobachten, wie ein Übergriff stattfindet und niemand reagiert.

Emrich beschreibt aus seiner Zeit als U-Bahn-Fahrer eine weitere Situation: Wurde eine Scheibe zerstört, wurde oft nicht einmal die Polizei gerufen. Der Zug fiel aus, die Scheibe wurde repariert, und damit war die Sache erledigt. Keine Anzeige, keine Ermittlung, kein Täter, keine Folge. Der Schaden blieb sichtbar, bis er unsichtbar gemacht wurde, ohne dass irgendetwas dazwischen passiert wäre.

Ein Betrieb, der das Eingreifen organisatorisch verhindert, signalisiert allen Beteiligten, dass Regelbruch folgenlos bleibt.

Das ist kein Einzelfall und kein Betriebsversagen in dem Sinne, dass Menschen ihren Job schlecht machen. Es ist ein strukturelles Problem: Die Institution hat entschieden, dass Passivität das geringere Risiko ist. Für den Betrieb mag das stimmen. Für den öffentlichen Raum ist es das Gegenteil.

Warum das kein Versicherungsproblem ist, sondern ein Vertrauensproblem

Man kann die Frage der Haftung und Versicherung juristisch lösen, wenn man es will. Was sich nicht so leicht reparieren lässt: das Vertrauen, das verloren geht, wenn Menschen erleben, dass die Strukturen um sie herum nicht eingreifen, obwohl sie es könnten oder sollten.

Der Roland Rechtsreport 2024 zeigt, dass über 80 Prozent der Befragten Gerichtsverfahren für zu lang halten und mehr als 50 Prozent Urteile für zu milde. Das ist kein irrationales Bauchgefühl, das man wegdiskutieren kann. Es ist der Messwert für schwindendes Vertrauen in staatliche Institutionen. Und dieses Vertrauen schwindet nicht nur, wenn Gerichte zu langsam arbeiten. Es schwindet auch, wenn ein Fahrgast beobachtet, dass der Fahrer angewiesen ist, nichts zu tun, und die Polizei bei einer zerstörten Scheibe gar nicht erst gerufen wird.

Im Buch nennt Emrich Vertrauen die Währung der Demokratie. Eine Währung, die sich nicht drucken lässt. Sie entsteht durch wiederholte Erfahrung: Der Staat greift ein. Die Regel gilt. Wer sie bricht, spürt eine Folge. Fehlt diese Erfahrung, fehlt die Währung. Und wer dann kommt und sagt, der Staat versage, der Rechtsstaat sei schwach, dem hat die Institution selbst die Argumente geliefert.

80 %der Befragten im Roland Rechtsreport 2024 finden, Verfahren dauern zu lange. Das Vertrauen schwindet nicht nur in Gerichtssälen.

Helfen statt filmen: Was Kapitel 7 des Buches fordert

In Der Preis unserer Toleranz widmet Emrich ein ganzes Kapitel der Frage, was jeder Einzelne konkret tun kann. Helfen statt filmen. Anzeige erstatten. Den Notruf nutzen. Konsequent handeln. Das klingt nach individuellem Appell, aber der Zusammenhang ist ein institutioneller: Wenn Strukturen passiv bleiben, lastet die gesamte Verantwortung auf dem Einzelnen, der ohnehin schon in der schwächeren Position ist.

Das ist keine zumutbare Aufgabenverteilung. Wer auf Bus und Bahn angewiesen ist, weil er kein Auto hat und nicht in eine ruhigere Gegend ziehen kann, hat kein Ausweichmanöver. Dieser Punkt ist im Magazin an anderer Stelle ausgeführt: Wer den höchsten Preis für Unordnung zahlt. Hier geht es um etwas Spezifischeres: Die Institution ist da, das Personal ist da, die Struktur ist da, und trotzdem greift sie nicht ein, weil sie es sich organisatorisch so eingerichtet hat.

Emrich beschreibt in der Einführung auch Gespräche mit Kollegen, Lehrfahrer im Schichtdienst, die über zunehmende Gewalt an den Schulen ihrer Kinder berichteten. Menschen in klassischen Arbeiterberufen, die nicht über ihr Gehalt klagten, sondern über randalierende Fahrgäste und über das Gefühl, dass niemand zuständig ist. Das ist kein Stimmungsbild, das man ignorieren kann. Es ist die Alltagserfahrung eines Systems, das Passivität als Standardantwort einprogrammiert hat.

Was ist das strukturelle Gegenmittel?

Das Buch liefert keine einfache Antwort auf das betriebliche Dilemma, und das ist ehrlich. Ein Fahrer, der seinen Führerstand verlässt, gefährdet möglicherweise alle anderen. Diese Abwägung ist legitim. Aber die Konsequenz daraus kann nicht sein, dass das Eingreifen ersatzlos entfällt. Sie muss sein, dass andere Strukturen diese Lücke schließen: mehr Präsenz von Sicherheitspersonal, schnellere Polizeireaktionen, klare Meldewege, die tatsächlich eine Reaktion auslösen, und nicht nur ein Protokoll produzieren.

Was nicht funktioniert: eine Infrastruktur zu bauen, die das Eingreifen verhindert, und dann zu erwarten, dass der öffentliche Raum trotzdem sicher bleibt. Der Hinweis „Es gibt keine Kleinigkeiten" gilt auch hier: Eine zerstörte Scheibe, bei der keine Polizei gerufen wird, ist keine Kleinigkeit. Sie ist ein Signal, dass dieser Raum ungeschützt ist. Und wer dieses Signal aussendet, muss sich nicht wundern, welche Antwort er bekommt.

Das Vertrauen, das eine Demokratie braucht, lässt sich nicht durch Appelle herstellen. Es entsteht durch Verlässlichkeit. Eine Institution, die ihr eigenes Personal anweist, wegzusehen, hat aufgehört, verlässlich zu sein, bevor der erste Bürger aufgehört hat, es zu erwarten.

Häufige Fragen

Warum wird Personal im öffentlichen Nahverkehr angewiesen, bei Übergriffen passiv zu bleiben?

Das betriebliche Argument lautet, dass ein verlassener Führerstand ein Sicherheitsrisiko für alle Fahrgäste darstellt und dass Zivilcourage versicherungsrechtlich nicht abgedeckt sei. Nickolas Emrich beschreibt dieses Dilemma aus eigener Erfahrung als U-Bahn-Fahrer in Berlin und erkennt es als real an, kritisiert aber, dass Passivität als Systemantwort das Vertrauen in staatliche Schutzstrukturen untergräbt.

Was hat institutionelle Passivität mit Vertrauen in den Rechtsstaat zu tun?

Wenn Strukturen, die zum Schutz da sind, das Eingreifen organisatorisch verhindern, signalisieren sie allen Beteiligten, dass Regelbrüche folgenlos bleiben. Das schwindet das Vertrauen in den Staat, das Emrich als Grundvoraussetzung der Demokratie beschreibt. Der Roland Rechtsreport 2024 belegt, dass über 80 Prozent der Bevölkerung staatliche Verfahren bereits als zu träge wahrnehmen.

Was kann man konkret tun, wenn man Zeuge eines Übergriffs im ÖPNV wird?

Emrich empfiehlt in seinem Buch: Notruf wählen, Anzeige erstatten, helfen statt filmen und konsequent handeln. Die individuelle Zivilcourage bleibt wichtig, ersetzt aber nicht die strukturelle Pflicht von Betrieben und Staat, Schutz aktiv zu organisieren.

Das ganze Argument

Der Preis unserer Toleranz

Warum innere Sicherheit die neue soziale Gerechtigkeit ist. Das neue Buch von Nickolas Emrich, aus der doppelten Praxis von Polizist und U-Bahn-Fahrer.

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